Saja Seus

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Montag Abend 19:15. Endlich habe ich auch die richtige Straße, das richtige Haus und einen Parkplatz gefunden. Ich bin auf dem Weg zu Saja Seus. Wir haben zusammen die Ausbildung zur Verlagskauffrau gemacht und haben uns schon ein paar Jahre nicht mehr gesehen. Mittlerweile hat Saja Fotografie studiert und sich erfolgreich selbstständig gemacht. Was erwartet mich wohl an diesem Abend?

Ich bin zu spät dran und feile schon an einer Entschuldigung, die plausibel und verzeihbar klingt. Statt des surrenden Türöffners macht Saja selbst die Tür auf. Die erste Frage: „Hi! Bist du mit dem Roller da?!“ – „Nein, sonst wär ich ja NOCH später dran.“ – „Das hätt mich nicht gestört.“ Puh, damit wäre meine größte Sorge schon mal weg!

Vor meiner Ankunft hatte ich noch gegrübelt, wer mir da die Tür öffnen würde. Denn wie gesagt, ein paar Jahre sind ins Land gegangen, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben. Hatte ich eine knallharte Business-Frau erwartet? Zum Glück ist sie meiner Erinnerung noch sehr ähnlich. Noch während wir beim Begrüßen sind, entschuldigt sich Saja für den Geruch von verkohltem Kuchen. Ich riech nichts. Der Ofen sei neu und sie habe noch nicht ganz raus, wie man die Temperatur am besten einstellt. Für mich sieht der Streuselkuchen auf dem Tisch gut aus. Es liege aber vielleicht auch daran, dass der Kuchen nicht mehr ganz gefroren war als sie ihn in den Ofen geschoben hat. Also ich denke, dass der Kuchen trotzdem schmecken wird. 

Wenn man von angeblich gescheiterten Tiefkühlkuchen absieht, hat sie mehr Vertrauen in Ihre Arbeit entwickelt. Sie ist nach wie vor erfrischend natürlich, mitunter verlegen und geniert sich, unwerblich und selbstkritisch. „Unwerblich“ deshalb, weil sie sich selbst nicht in Szene setzt. Sajas Blick durch die Kamera, und auch auf sich selbst, ist ein sehr ehrlicher und differenzierter. Sie kann sehr harmonische, aber auch provozierend ehrliche Bilder machen. Sie wählt aus der Vielfalt der Eindrücke und Stimmungen jedes Mal aufs Neue aus, welchen Aspekt sie abbildet und hervorhebt. 

Ich schaue mich in der Wohnung um, die wegen der Sonne noch immer abgedunkelt ist. Es steht nicht viel Überflüssiges herum. Wir sitzen an einem Tisch, der schon einige Gebrauchsspuren aufweist und so gar nicht zur restlichen Einrichtung passt. Der Wäscheständer ist noch aufgestellt und am Fenster kämpft eine selbstgezogene Hängepflanze ums Überleben. Nichts außergewöhnliches auf den ersten Blick, dennoch finde ich, dass man diesen vier Wänden ansieht, welch ausgeprägter Charakter darin wohnt. Das drückt sich weniger in den Möbelstücken aus, als im Inhalt, der sie befüllt. Das Bücherregal in der Ecke beispielsweise fällt auf den ersten Blick nicht besonders auf. Es ist weiß, schlicht und hat unten eine kleine Schublade mit Metallgriff. Sauber und voller Wertschätzung bestückt, stehen darin Bücher mit weißen und bunten Buchrücken. Im zweiten Regal von unten steht ein in Leder eingeschlagenes Buch. Um den Einband windet sich ein Lederband in mehreren Bahnen und hält das Buch gerade noch zusammen, denn es quillt über von Polaroid-Bildern. Dies ist Sajas Fototagebuch mit Momentaufnahmen wie von einer anderen Zeit. Eine Seite, ein Bild, ein paar wenige Worte dazu. 

So langsam machen wir uns an die Arbeit, denn eigentlich wollte ich ja noch ein Interview über Selbstständigkeit mit ihr führen. Aber wir kommen doch ins Reden und die Zeit vergeht sehr schnell an diesem Abend. Feinsinniges und Vernünftiges wird an diesem Abend besprochen.

Montag Abend 23:30. Ich bin wieder zu Hause angekommen und fühle mich, als käme ich von einer exklusiven Führung durch eine seltene Ausstellung. Es gab viele interessante und schöne Dinge zu sehen und kennenzulernen. Was ich an diesem Abend noch nicht weiß, ist, dass ich zwei Jahre brauche, um mich an das Schreiben dieses Portraits zu machen. Der Grund dafür war wohl die  Befürchtung, sie falsch oder unvollständig zu beschreiben. Ich weiß jedoch schon, dass ich dieses Wiedersehen nicht missen möchte und mir schon bald eine Polaroid-Kamera zulegen werde.

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