pp030 – Produktionsbüro Heike Praetor

Schwerpunkte des Interviews: Produkt/Dienstleistung, Finanzplanung

INTRO

Heike Praetor-Bild_swFrau Praetor machte vor 5 Jahren den Schritt in die Selbstständigkeit und ist heute fest etabliert. Zuvor hatte sie jahrelang bei verschiedenen Verlagen gearbeitet und dabei auch Berufserfahrung als Führungskraft gesammelt. Neben den anderen, die bisher auf diesem Blog interviewt wurden, ergänzt Frau Praetor diese Reihe als „natürlich gewachsenes“ Start-up. Das macht sich besonders an der Vielzahl der Kompetenzen und dem breit gefächerten Angebot bemerkbar. Wie ist es, sich aus einem vielleicht schwerfälligen, aber stabilen Betriebsumfeld herauszulösen und auf eigene Kappe und eigenes Risiko zu arbeiten? Lesen Sie selbst.


INTERVIEW

Produkt/Dienstleistung

Abstrakt gesprochen sorge ich dafür, dass alles, was ein Verlag publiziert, produziert wird. In der Branche nennt sich diese Dienstleistung „Herstellung“ und umfasst von gestalterischen Aspekten über den Einsatz der richtigen Technik und den Einkauf dieser technischen Leistungen bis hin zur Organisation des Prozesses eigentlich alles. Ich werde hinzugezogen, wenn sich die Festanstellung eines Herstellers bei kleineren Verlagen nicht anbietet oder um unterjährige Auftragsspitzen abzufangen. Ich biete Komplettpakete oder einzelne Bestandteile an und mitunter werde ich mit ausschließlich organisatorischen Aufgaben beauftragt. Diese Bandbreite kommt bei den Kunden meiner Einschätzung nach gut an und bietet mehr Möglichkeiten für eine Zusammenarbeit.

Ein weiteres Standbein, das ich erst mit meiner Selbständigkeit ausgebaut habe, ist die Mediation. Das heißt, ich begleite Menschen in Konfliktsituationen, die sie im beruflichen Umfeld haben, seien es Konflikte innerhalb der Abteilung, zwischen einzelnen Mitarbeitern, oder solche zwischen Mitarbeiter und Chef. Auch wenn es zwischen verschiedenen Abteilungen oder zwischen Verlag und Dienstleister hakt, komme ich zum Einsatz. Neben mediativen Fähigkeiten, ist auch sog. Feldkompetenz wichtig, sprich, man muss das berufliche Umfeld der Konfliktpartner kennen.

Darüber hinaus gebe ich Fortbildungen für den Bereich Herstellung und Seminare, z.B. in Projektmanagement und zur Konfliktkommunikation.

Rechtsform

Als Einzelperson bin ich Freiberuflerin. In meinem Berufsfeld ist diese Rechtsform möglich, nicht jedoch in allen Berufen [Anmerkung der Redaktion: Kriterien für freie Berufe].
Ein wichtiges Thema in Verbindung mit der Rechtsform sind auch Überlegungen bezüglich Krankenkasse und Versicherungen. Da sollte man sich ausführlich Gedanken machen und auch langfristige Auswirkungen bedenken.

Branche und Markt

Ich habe diesen Beruf viele Jahr in verschiedenen Verlagen ausgeübt und als Herstellungsleiterin selbst Freiberufler/Freelancer hinzugezogen. So wusste ich schon aus meinem Arbeitsalltag, dass es da einen Markt gibt. In Verlagen gibt es hin und wieder große Projekte, die sich nicht mit der üblichen Anzahl an Mitarbeitern stemmen lassen – außer man bringt großes Durcheinander ins Alltagsgeschäft und in die Aufgabenverteilung. Als ich mich beruflich verändern wollte, war der Schritt zum Freelancer nahe liegend.

Herstellung und Preis

Ein Großteil meiner Dienstleistung wird über Stundensätze abgerechnet. Auch hier hatte ich Vorwissen über marktgängige Preise durch meine vorherige Tätigkeit. Ich wusste wo der Preis liegen muss, um Aufträge zu kriegen. Dennoch habe ich meine Kosten sehr detailliert ermittelt und eine möglichst realistische Umsatzplanung gemacht. Und mit „Kosten ermitteln“ meine ich nicht nur das, was im Rahmen des Beruflichen anfällt. Ich habe durchgerechnet, ob der Gewinn auch Miete, Versicherungen, Lebenshaltung und Altersvorsorge deckt. Wenn das nicht aufgegangen wäre, hätte ich wohl die Finger davon gelassen. Die Preisfindung war Teil eines umfangreichen Businessplans, den ich vor der Gründung erstellt habe.

Marketing und Vertrieb

Zuvor war ich nicht exzellent vernetzt, aber vernetzt. Seit vielen Jahren besuchte ich z.B. eine bestimmte Fachtagung, auf der ich wichtige Kontakte geknüpft hatte. Als meine Website stand und die ersten Flyer entworfen waren, wurden letztere zuerst an bestehende Kontakte verschickt und ich habe telefonisch nachgehakt. Das hat mich allerdings Überwindung gekostet und wurde auch nicht sofort mit herausragendem Erfolgen belohnt. Mund-zu-Mund-Propaganda und die persönliche Ebene haben viel besser funktioniert. Um ein konkretes Beispiel zu nennen: Eine Kundin hatte bei mir das Gefühl, dass meine Arbeitsweise und meine Gewichtung von Kosten und Nutzen zu der ihren passte und beauftragte mich aus diesem Grund. Daher konzentriere ich mich auch weiterhin darauf, genau DAS zu kommunizieren. Ich sag’s jetzt einfach ganz lapidar: Wenn man sich selbstständig macht, muss man davon überzeugt sein, dass die Welt auf einen gewartet hat. Auch wenn es andere mit vergleichbarem Angebot gibt, muss es Gründe geben, warum ICH genau der perfekte Partner für ein Unternehmen/einen Kunden bin.

Finanzplanung

Ich habe ja im klassischen Sinn keinen Wareneinsatz, die ich für die Produktion zukaufen muss. Meine Investitionen halten sich also in Grenzen. Aber natürlich muss ich berücksichtigen, in welchen Zyklen der Austausch meiner Computer notwendig ist, wie oft ich Software-Updates einkalkulieren muss und auch welches Budget z.B. für Reiseaufwendungen, für die Kontaktpflege mit Kunden oder im Zusammenhang mit der Akquisition neuer Kunden eingeplant sein will. Ich wäre am Anfang nie auf die Idee gekommen, mir ein Büro anzumieten. Das spielte sich zum Start alles innerhalb einer kleinen Wohnung ab und ich hab mich damit eigentlich recht wohl gefühlt. Erst vor 3 Jahren habe ich mich räumlich vergrößert, als meine Auftragslage einen stabilen Eindruck gemacht hat.

Vor meiner Gründung habe ich akribisch Buch über meine Ausgaben geführt, bin meine Kontoauszüge durchgegangen und habe jede Kostenart auseinander sortiert. Öffentliche Verkehrsmittel, Versicherungen, Essen kaufen, essen gehen, Kultur, Kleidung usw. Ich habe geschaut, wo Stellschrauben sind, wenn es mal eng wird, denn ich werde ganz sicher nicht aufhören, meine Krankenversicherung zu zahlen. Dann habe ich ungefähr ermittelt, wie viele Arbeitsstunden pro Tag ich fakturieren können muss, damit es sich lohnt. Als dann auch diese Zahlen stimmten und die Planung stand, habe ich einen Existenzgründungszuschuss beantragt.

Unternehmenskultur, Werte, Philosophie

Ich mag es ganz gern, wenn sich immer wieder etwas verändert. Daher kommt es mir sehr entgegen, mit verschiedenen Kunden zu arbeiten, deren unterschiedliche Prozesse kennen zu lernen und mit vielen verschiedenen Menschen zu tun zu haben. Es ist mir wichtig, dass der Spaß im und am Alltag nicht verloren geht.

Größter Fehler – größter Erfolg

Mein größter Erfolg war wahrscheinlich die Tatsache, dass ich relativ schnell eine ausreichende Zahl von Kunden davon zu überzeugen konnte, mich zu engagieren. Einen Fehler im Sinne von „Das hat Geld gekostet oder meinem Renommee geschadet“ habe ich zum Glück noch nicht. Rückblickend hätte ich den Schritt in die Selbständigkeit viel früher machen sollen, weil mir diese Art zu Arbeiten sehr entspricht.

KONTAKT www.pp030.de


ABSPANN

Hier noch ein wichtiger Tipp, der während des Interviews zur Sprache kam: Bei der Kalkulation von Aufwand und Kosten sollte man nicht zu optimistisch mit dem Zeitbudget sein. Von jeder Stunde, die man am Schreibtisch verbringt, kann man statistisch häufig nur 60% an einen Kunden weiter berechnen. Akquise-Zeit, Angebote und Rechnungen schreiben, Buchhaltung, netzwerken – all das will getan sein, kostet Zeit, kann aber nicht fakturiert werden. Ein Gründer-Coaching ist für solche und weitere Überlegungen absolut empfehlenswert! [Anmerkung der Redaktion: Über das Gewerbeamt jeder Kommune lässt sich in Erfahrung bringen, ob und welche Angebote es für Gründer gibt, bspw. Einstiegskurse mit Basiswissen zur Existenzgründung.]

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